Ist Kafkas Werk autobiografisch?

Das ist von jeher eine der umstrittensten Fragen unter ›fortgeschrittenen‹ Lesern. Um sie sinnvoll zu beantworten, muss man mehrere Ebenen unterscheiden.

Zunächst die Ebene der Details, der kleinsten Bausteine, aus denen eine erzählerische Einheit zusammengesetzt ist. Der Literaturwissenschaftler Hartmut Binder hat in zahlreichen Veröffentlichungen nachgewiesen, dass eine verblüffende Fülle solcher Einzelheiten aus Kafkas eigener Erfahrung stammen und dass er sie gleichsam im Rohzustand übernommen hat. Das betrifft Namen, Physiognomien, Kleidung, Örtlichkeiten und anderes.

Besonders hervorgehobene, wiederkehrende Motive sind ebenfalls oft autobiografischen Ursprungs. So sind beispielsweise die Aktenberge, die Orsons Welles in seiner Verfilmung des Process so eindrucksvoll in Szene gesetzt hat, natürlich eine Hypothek aus Kafkas eigener Berufstätigkeit. Seine besondere Empfindlichkeit gegen Schmutz hat Kafka ebenfalls in ein literarisches Motiv überführt.

Auch auf der Ebene der Handlungsführung lassen sich häufig Entsprechungen zur Biografie auffinden. Das vernichtende Urteil der eigenen Eltern (Der Verschollene, Das Urteil, Die Verwandlung), über das der Protagonist nicht hinwegkommt, spiegelt ein Lebensproblem Kafkas. Dass er das Duell eines einsamen Helden mit anonymen Mächten einmal im städtischen Milieu darstellt (Der Process), das andere Mal aber in eine enge dörfliche Gemeinschaft verlegt (Das Schloss), entspricht genau dem Wandel seiner Lebensumstände; denn nach dem Ausbruch der Tuberkulose war Kafka immer wieder zu monatelangen Aufenthalten auf dem Land gezwungen.

Auf der Ebene der Bedeutung und des objektiven Gehalts von Kafkas Werken liefern jedoch diese engen autobiografischen Bezüge bei weitem keine hinreichenden Erklärungen. Schon einfache Sinnfragen wie etwa ›Was bedeuten die vielen Tiere bei Kafka?‹ lassen sich nicht allein durch die Lebensumstände des Autors, sondern allenfalls durch dessen literarische Intentionen beantworten — und selbst das nur annähernd, da ja Kafka Tiere als literarisches Ausdrucksmittel nicht erfindet, sondern bereits vorfindet (das heißt, Tiere bedeuten an sich schon etwas).

Kafkas nachhaltiger Weltruhm beruht nicht zuletzt darauf, dass zahlreiche Leser die geschilderten Erfahrungen von Entfremdung, Isolation und Ich-Zerfall als authentisch empfinden, aber auch als außerordentlich ›typisch‹ für unsere Zeit. Für diese Leser ist es zunächst unwichtig, ob Kafka Aktenberge schilderte, weil er sie täglich vor Augen hatte, oder vielmehr deshalb, weil er in ihnen etwas Signifikantes, Zukunftsweisendes erblickte. Ob Kafka soziale Kälte und Ausgrenzung so überzeugend darstellte, weil er sie als Jude in schmerzlicher Weise erfahren hat, oder weil er systematische Ausgrenzung als Problem der Moderne wahrnahm.

Das heißt: Zu wissen, aus welchen konkreten Lebenserfahrungen Kafka bestimmte Bilder und Ideen bezieht, ist auf der Ebene der Bedeutung wie auch der unmittelbaren Wirkung der Texte sicherlich hilfreich, aber keineswegs unabdingbar. Kafkas Bilder und Symbole entfalten einen Bedeutungsreichtum, der gerade nicht privat, nicht autobiografisch, sondern universell ist — seine Wirkung über alle kulturellen Schranken hinweg belegt dies eindrucksvoll.


© Reiner Stach © www.franzkafka.de